„Der öffentliche Raum ist das Herz unserer Gesellschaft. Die Weise, wie wir den öffentlichen Raum nutzen und gestalten. erzählt uns etwas über die Menschen und die Art ihres Zusammenlebens.“

„Straßen, Plätze und Wege werden als Raum für Menschen eingerichtet, so dass dort ein sozialer, zwischenmenschlicher Umgang selbstverständlich wird.“

„Shared Space zielt auf eine Gestaltung des öffentlichen Raumes, in dem Verweilen, Verkehr und andere Funktionen im Gleichgewicht stehen.“

Hans Monderman, 1947-2008

Der öffentliche Raum als Lebensraum
Shared Space ist ein neues Konzept zur umfassenden Gestaltung des öffentlichen Raumes. Straßen, Wege und Plätze werden als Lebensraum aufgefasst, der von allen Mitgliedern der Gesellschaft geteilt und gemeinsam genutzt wird. Dieser Lebensraum soll so eingerichtet und gestaltet werden, dass er zu einem Ort der menschlichen Begegnung, der Kommunikation und des sozialen Umgangs wird. Dieser Raum wird nicht durch Ampeln, Verkehrsschilder, Fußgängerinseln und andere Barrieren organisiert, sondern durch die Möglichkeit der Verständigung aller VerkehrsteilnehmerInnen – seien sie AutofahrerInnen oder PassantInnen, RadlerInnen oder Flaneure, spielende Kinder oder stille BeobachterInnen. Die VerkehrsteilnehmerInnen werden nicht voneinander getrennt, sondern teilen sich den Straßenraum im Sinne des verantwortungsbewussten Miteinanders. Auch AutofahreInnen fügen sich in das menschliche Miteinander von FußgängerInnen, RadfahreInnen und spielenden Kindern ein.

Neue Entwürfe, neue Strategien
Um den öffentlichen Raum neu und bewusst in Szene zu setzen, sind nicht nur neue Entwürfe und Verkehrskonzepte gefordert, sondern auch neue Planungs- und Entscheidungsprozesse. An diesen Prozessen müssen alle beteiligten Akteure von Anfang an mitarbeiten, um mit Unterstützung von ExpertInnen gemeinsame Leitvisionen entwickeln zu können. Die Umsetzung von Projekten im Sinne von Shared Space bedingt daher auch ein modernes Verständnis von Politik. PolitikerInnen treten nicht auf als jene, die die Probleme für andere lösen, sondern als diejenigen, die andere dazu befähigen, ihre Probleme selbst zu lösen. Wenn wir davon überzeugt sind, dass BürgerInnen, UnternehmerInnen und Interessensverbände fähig sind, aus eigener Kraft Lösungen zu finden, verändert sich die Rolle der Politik. Es ist ein Grundprinzip der Shared-Space-Strategie, gesellschaftliche Kraft und vorhandenes Wissen so gut wie möglich zu mobilisieren, um in einem konsequenten Partizipationsprozess einen qualitätvollen Konsens über ein lebendiges Leitbild für den öffentlichen Raum zu erzielen. „Der Raum muss den Menschen sagen, wie sie sich verhalten sollen“

Shared Space, Schritte zum Erfolg
Das Konzept Shared Space wurde in den vergangenen Jahren in Holland von Hans Mondermann und dem Shared-Space-Institute (Drachten, NL) entwickelt und mit nachhaltigem Erfolg umgesetzt: alle 107 ‚shared spaces‘ sind frei von schweren Unfällen (Stand 2009). Die Stärkung des gesellschaftlichen Lebens im öffentlichen Raum bewirkt eine signifikante Verbesserung im Bereich der Verkehrssicherheit. Die neue Balance von verkehrstechnischer und sozialer Nutzung hebt die Lebensqualität vor Ort. Durch die Verstetigung von Geschwindigkeiten auf niedrigem Niveau kommt es zu einer klaren Reduktion von Emissionen vor Ort. Zur Erfolgsbilanz von Shared Space gehören auch ökonomische Effekte: in zahlreichen Orten konnten nach der Umsetzung von Shared-Space-Projekten signifikante Umsatzsteigerungen für den Handel verzeichnet werden. Shared Space ist kein gebrauchsfertiges Produkt, kein Maßnahmenkatalog mit strikten Handelsanweisungen und fest umrissenen Resultaten. Es ist ein Konzept, das sich kontinuierlich weiterentwickelt. Es ist ein Lernprozess, der inhaltlich und organisatorisch in der Regionalpolitik und in Forschungs- und Bildungseinrichtungen verankert werden muss.

Shared Space ist ein Prozess
Dieser Prozess ist nicht mit der Realisierung eines baulichen Projekts abgeschlossen. Die konsequente Weiterentwicklung der Lebensqualität vor Ort erfordert eine aufmerksame Beobachtung und Kontrolle der erzielten und gewünschten Effekte. Jede individuelle Situation muss präzise betrachtet werden, um Möglichkeiten der Verbesserung aufzuzeigen. Begleitende wissenschaftliche Forschungen aus zahlreichen Disziplinen helfen, das entstehende Wissen zu sammeln und zu analysieren. Auch das Wissen von Interessensverbänden muss optimal in den Prozess einfließen.

Die Planung im Einklang mit den Prinzipien von Shared Space folgt den folgenden wesentlichen Planungsprinzipien:

  • durch intensive räumliche Gestaltung des öffentlichen Raums wird jedem Benutzer (Verkehrsteilnehmer) klar, wie er sich in diesem Raum angemessen verhält, weshalb ein weitgehender Verzicht auf Verkehrszeichen möglich wird;
  • keine strikte Trennung von Territorien für unterschiedliche Nutzergruppen, sondern eine maßvolle Anwendung des Mischprinzips im Sinne der gemeinsamen Nutzung des vorhandenen Raums;
  • partizipative Planungskultur, um die Möglichkeiten der sozialen Belebung des öffentlichen Raums optimal erfassen zu können und durch das realisierte Projekt optimal unterstützen zu können (neue, verbesserte Balance von sozialer und verkehrstechnischer Nutzung des Raumes)
  • die Strukturierung des Straßenraums erfolgt nicht mehr ausschließlich nach verkehrstechnischen (und am motorisierten Verkehr orientierten) Gesichtspunkten; es werden verstärkt räumliche Charakteristika (Architektur) in Szene gesetzt, um respektvolles Verhalten zu fördern
  • durch den Entfall von strikt zu befolgenden Regeln erhöht sich die Anzahl sozial motivierter Handlungen im Raum (Blickkontakt, real gelebte Rücksichtnahme etc.)

Aus vergleichbaren Projekten ist bekannt, dass die folgenden Effekte für das Verkehrsgeschehen zu erwarten sind (diese Effekte sollen erreicht werden):

  • Durch Aufhebung der territorialen Abgrenzung (keine Revierbildung) und den weitgehenden Entfall von verkehrstechnischen Regulierungen sowie durch die dadurch ausgelöste leichte Verunsicherung der Verkehrsteilnehmer entsteht eine erhöhte Aufmerksamkeit
  • Die erhöhte Aufmerksamkeit und das Fehlen von eindeutig wahrnehmbaren territorialen Grenzen verursacht eine deutliche Geschwindigkeitsreduktion
  • Durch die Reduktion der (Höchst-)Geschwindigkeiten wird es für Fußgänger einfacher, an vielen Stellen die Hauptfahrachsen zu queren
  • Durch den möglichen Entfall von Zebrastreifen verteilen sich die Fußgängerbewegungen im Raum und entsprechen zunehmend mehr den Wunschlinien; zugleich entsteht für Autofahrer kein Zwang, an Zebrastreifen (oder roten Ampeln) zu stehen; in Summe entsteht eine Verflüssigung des Verkehrsgeschehens auf niedrigem Geschwindigkeitsniveau;
  • Durch die Reduktion der Spitzengeschwindigkeiten entsteht eine allgemeine Harmonisierung aller Bewegungen im Raum, wodurch auch größere Bewegungsmöglichkeiten für Radfahrer entsteht;
  • Durch erhöhte Aufmerksamkeit in Kombination mit maßvolleren Geschwindigkeiten sinkt das Unfallrisiko.