STADTKERN FERLACH 1. PREIS

  • Ort: FERLACH
  • Jahr: 2016
  • Aufgabe: Umgestaltung der öffentlichen Räume im Stadtkern von Ferlach
  • Status: WETTBEWERB 1. PREIS

Ferlach hat eine hohe Dichte an hochwertiger Bausubstanz, diese befindet sich jedoch teilweise in unvorteilhaftem Zustand. Die bauliche Qualität der Stadt und ihrer Gebäude erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Es gibt eine konzentrierte Stadtstruktur, die aus zahlreichen kraftvollen Einzelbauten gebildet wird. Nachkriegsbauten rund um den Hauptplatz haben ergänzende  Freiraum geschaffen, jedoch nicht harmonisierend gewirkt, sondern räumliche Ungleichgewichte erzeugt; dies betrifft die Höhenentwicklung sowie Materialität, Fassadenbild und Gebäudestruktur. Warum gibt es keine A-Lagen im Zentrum? Einerseits: Wenig Leerstand im Stadtkern. Andererseits: In der Alltagssituation entsteht keine Stimmung, die dem Flair der ‚südlichsten Stadt Österreichs‘ gerecht werden kann. Zahlreiche Bauwerke und Gebäudetransformationen zeigen, dass es keinen das Ortsbild gestaltenden Blick auf die Ensemblewirkung gibt. Das Ortsbild erscheint daher in vielen Bereichen zerfleddert und vernachlässigt. Zahlreiche Straßenräume bedienen einseitig Anforderungen des Autoverkehrs und entwerten die Würde von baukünstlerisch hochwertigen Gebäuden. Dies trifft auch auf Gebäude zu, bei denen sich ein guter bautechnischer Zustand mit angemessener, zeitgerechter Nutzung verbindet. Entlang der Hauptverkehrsschneisen entstehen Rückseiten im innerörtlichen Gefüge. Empfohlenes Motto: Aus Rückseiten Vorderseiten machen. Ein Blick auf historische Aufnahmen zeigt, dass die an sich stabile Ortsstruktur gerade im Hinblick auf eine räumlich gut artikulierte Ortsrandbildung durch die Invasion des Autoverkehrs deutlich verschlechtert hat. Ein historischer Blick auf den Hauptplatz zeigt, wie entspannt sich das Leben in den öffentlichen Raum und in private Gärten hinein entwickelt hat. Und er zeigt, wie lapidar und unverkrampft mit dem Niveauunterschied am Platz früher umgegangen worden ist. Die aktuelle Lösung erzeugt eine nachhaltige Irritation: in der Alltagssituation erscheint die geometrische Grundfigur künstlich ausgedacht und ist nicht organisch aus dem Zusammenspiel von Baustruktur und Nutzungsanforderungen entwickelt; sie ist als abstrakte Idee in den Platzraum hineingezwungen. Dieser Zwang ist spürbar: der Platz wirkt unentspannt, grimmig und irgendwie verklemmt. Warum muss das Rathaus in die zweite Reihe gestellt werden? Der Platz ist kein erlebbarer Hotspot des alltäglichen Lebens. Wo kann ich hier in der Sonne sitzen, bei gutem Kaffee, mit Blick auf den belebten Platz? Wo kann ich hier im Halbschatten sitzen, ohne einen Kaffee trinken zu müssen? Positive Qualität der aktuellen Platzgestaltung zeigt sich in Ausnahmesituationen: die relativ große zusammenhängende, annähernd ebene Fläche ‚im Kreis‘ eignet sich als Bühne für unterschiedliche Arten von Events; sogar der Osterhase kann sich hier verstecken. Die Funktionsverteilungen im zentralen Bereich sind aus der Geschichte des Ortes heraus harmonisch und komplementär geordnet. Der Stadtkern zeichnet sich durch eine Konzentration von Gebäuden, öffentlich relevanten Nutzungen und öffentlichen Räumen aus. Funktionale Störungen im Stadtgefüge sind Einkaufsmärkte in peripheren Lagen, aber auch das sehr  weit vom Stadtkern entfernte Bezirksaltenheim. Es gibt plausible räumliche Clusterbildungen der hochwertigen Schulen, der handwerklich hochstehenden industriellen Produktion, ebenso durch den Park eine gute Anbindung an den Wasserlauf und das ‚Gries‘. Einen westlichen Abschluss des Stadtkerns bilden Handwerksgebäude, die zurzeit teilweise nicht in Gebrauch sind.

Hauptplatz  | Nutzungen und Bebauungsstruktur im Bestand

Die Handelsstruktur rund um den Hauptplatz bildet keine A-Lage, hat jedoch von der baulichen Struktur her große Potentiale der Aufwertung. Nahezu alle Erdgeschosszonen haben Geschäfts- oder Gastronomiestruktur. Im Verhältnis zur geometrischen Größe und Ausdehnung der  Platzfläche ist eine vorsichtige Nachverdichtung bzw. ein stärkerer baulicher Akzent an der Westseite des Platzes denkbar (Auflösung der unkoordiniert zusammengewachsenen Gebäudeagglomeration bei maßvoller  Erhöhung in eine Dreigeschoßigkeit). Hierbei sollte das Motiv  von freistehenden Einzelhäusern in zeitgemäßer Form aufgegriffen werden (Vermeidung eines maßstabssprengenden Gebäudes wie im Fall der Volksbank aus den 1960er Jahren). Funktionale Mängel (positiv gesagt: identifizierbarer Bedarf) liegen im Bereich Nahversorgung, jedoch auch in spezialisierten Gastroeinrichtungen, die zum Beispiel ein qualitativ hochwertiges ‚Jausen‘-Angebot für Schüler anbieten. Diese Nutzungen korrelieren mit einem alltäglichen Bedarf und können große positive Effekte für die Belebung des öffentlichen Raumes ausbilden.

Bewegungsachsen | das Ferlacher Kreuz

Der zentrale Bereich des Stadtkerns wird west- und südseitig von zwei  Straßen mit starker Auto-Nutzung umschlossen. Diese Straßen bilden eine starke Trennwirkung aus und sind in ihrer Gestaltung Ausdruck der Dominanz der Nutzung durch das Auto. Für die Belebung des Platzes sind Fußgängerfrequenzen von großer Bedeutung. Hier sind vor allem zwei Bewegungsachsen bedeutsam: die Verbindung zwischen dem Busbahnhof und dem Schulcluster, der von Schülern täglich mehrfach genutzt wird. Eine weitere Achse spannt sich zwischen dem Beschussamt und dem Schloss auf (rot gekennzeichnet) und verbindet zwei der bedeutsamsten Orte des Stadtkerns von Ferlach.  Zusammen bilden diese beiden Fußgängerachsen das ‚Ferlacher Kreuz‘, dessen Kreuzungspunkt den Hauptplatz entstehen lässt.

Kreuzungspunkte | barrierefreie Zugänge zum Stadtkern

In der Überlagerung der Wege- und Bewegungsbeziehungen werden jene Raumzonen sichtbar, in denen Barrieren entstehen, die den fußläufigen Zugang zum Stadtkern erschweren. Die Trennwirkungen entstehen einerseits aus der Geländekante zwischen Kirchplatz und Hauptplatz; andererseits durch die Dominanz des Autoverkehrs. Beide Barrieren müssen beseitigt werden, um die Interaktion innerhalb des Orts zu verbessern und das Leben im öffentlichen Raum zu verstärken und zu unterstützen.

Kreuzungspunkte | Gestaltungslogik, technische Hilfsmittel

Unterschiedliche Barrieren erfordern jeweils andere Mittel der Überwindung. Der Niveausprung wird einerseits durch das Liftprojekt beim Rathaus zu überwinden sein (in Verbindung mit großzügigen Balkonsystem im Zuge eines Faceliftings für das Rathaus) und andereseits durch eine Attraktivierung von ‚Umwegen‘ bzw. eine gestalterische Aufwertung des Stiegenabgangs. Die Trennwirkung der Autorouten wird durch die gestalterische ‚Brechung‘ der Fahrbahn herzustellen sein. Wer hier fährt, muss das Gefühl haben, in das Ortszentrum einzutreten.

Die Ferlacher Blume | aus Barrieren werden Portale

Für  eine optimale Verzahnung des Stadtkerns von Ferlach  mit  den umgebenden Gebieten empfiehlt es sich,  die trennenden Barrierezonen in Portale in das Zentrum umzuwandeln. Der Verkehr wird domestiziert, die Interaktion wird verbessert, die Erkennbarkeit des Ortskerns wird gestärkt. Analog sind Portale entlang der Geländekante zu artikulieren, um durch eine Grammatik der öffentlichen Räume die erlebte Intensität des Stadtkerns zu steigern.

 

 

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