ÖV-Achse Reininghaus 2. Preis

  • Ort: Graz
  • Jahr: 2015
  • Status: 2. Preis

Die Entfaltung einer urbanen Achse

Die neue ÖV Achse wird über viele Jahre durch das bizarre Nebeneinander von Imaginationen kommender Urbanität, hochglänzenden Versprechen der Immobilienentwickler und der Realität von spärlich bebauten Feldern, Autohändlerparkplätzen, verlassenen Gebäuden und ambitionierten Hochhausbaustellen führen. Wie kann die Entstehung der neuen Achse genutzt werden, um bereits in der Bauphase soziales Leben anzuziehen, urbane Räume zu entfalten und die neue Adresse im Bewusstsein der BürgerInnen der Stadt zu verankern? Welchen Grund können Familien mit Kindern, Studenten und Migranten, Wohnungssuchende und Freizeitexperten haben, um die Reininghausbaustelle aufzusuchen?

Der linearen Achse wird daher zunächst eine räumliche Struktur gegeben. Durch Bepflanzungsfelder, die seitlich in den Achsenraum eingreifen, wird der maßstabslose Achsenraum zu einer Abfolge von unterschiedlich charakterisierten Räumen; es entstehen Bezugspunkte im Raum, die unterschiedliche Qualitäten ausbilden. In der Abfolge der wechselseitig in die Achse eingreifenden Grünräume entstehen schwingende und belebende Raum- und Bewegungsfolgen.

Phase 1: Die Bäume kommen – so früh wie möglich

Die erste Maßnahme zur Raumbildung entlang der Achse ist das Anlegen von gartenartigen Baumfeldern am Rand der Achse. Diese Randgärten greifen jeweils ein wenig in den zukünftigen Straßenraum ein und bilden eine Verbindung zwischen der Achse und den angrenzenden Quartieren bzw. mit dem neuen Park. Die Randgärten werden aus unterschiedlichen Baumgruppen komponiert und erhalten jeweils einen eigenen Charakter als Kirschgarten, Platanenhain, Maulbeergarten etc. Sie bilden von Anfang an konkrete Bezugspunkte im abstrakten Raum. An der Achse entstehen unterscheidbare Episoden, erste Einladungen zum Aufenthalt bilden sich heraus. Die anfangs namenlose Achse erhält durch das Spiel der unterschiedlichen Farbtöne Perspektivität und greifbare Tiefe. Die Bewegungen entlang der Achse werden dadurch nicht gestört, sondern in eine heitere Schwingung versetzt.

Alle Baumsetzungen sollten so früh wie möglich erfolgen. Dadurch wird den Bäumen ein Vorsprung gegeben – sie werden umso mehr spürbaren Raum bilden und respektablen Schatten spenden, wenn die Besiedelung beginnt. Und sie werden bereits in den Bauphasen Grünraumqualitäten anbieten und eine Andeutung der kommenden Achse bilden.

Phase 2: Die Urbanisatoren kommen

Jetzt schlägt die Stunde der Investoren. Bauzäune, Projektversprechen, käufliche Visionen. Was kann Menschen dazu verlocken, der noch nicht fertig gebauten Achse einen Besuch abzustatten? Wir setzen verschiedene Instrumente ein, um Aufenthalts-, Informations- und Spielangebote in den Raum zu setzen. Was später eine Informationsstele sein wird, hat ein Vorleben als Aussichtsturm: von hier kann man sich einen Überblick über das neue Quartier und seine Bauprojekte verschaffen. Baustellenrestaurants bilden ihre ganz eigene soziale Sphäre aus und etablieren sich als temporäre Treffpunkte für Arbeiter, Künstler, urban Gardeners, Freizeitexperten. Junge Familien kommen zum Picknick im Garten und setzen sich ganz nah zu den großen schwingenden Schaukeln. Alle Elemente haben schon in diesem Stadium die Aufgabe der qualifizierten Einladung zum Aufenthalt und zielen auf optionale Aktivitäten entlang der neuen Achse. Die Urbanisatoren haben temporären Charakter und bringen Heiterkeit und Spontanität in den Baustellenraum.

Phase 3: Der ÖV kommt

Die Straßenbahn kommt – per Bus. Jetzt muss der zentrale Achsenraum mit Schienen ausgestattet und befestigt werden. Es hat jedoch noch keinen Sinn, den gesamten Achsenraum mit dem endgültigen Pflastermaterial zu versehen. Der provisorische Charakter des Patchworks von ersten fein ausgearbeiteten Bereichen, den zunehmend stattlicher werdenden Randgärten, präzisen Wegeverbindungen und Makadam-Flächen kann bestehen, bis die Verzahnung der Achse mit den öffentlichen Räumen in den einzelnen Quartiersbereichen vollendet werden kann. Mit dem zunehmenden Heranrollen der Bebauungen wächst auch die Zahl der Sitzgelegenheiten. Die Aussichtstürme, die durch die bereits umgesetzten Bauprojekte schrittweise ihren Sinn verlieren, werden jetzt zu Informationsstelen, die einem übergeordneten Orientierungssystem folgen.

Phase 4: Am Steinfeld. Wir wohnen, wir leben.

Mit zunehmender baulicher Verdichtung muss für die Achse das angemessene Gleichgewicht von Identität und Individualität und die richtige Balance von Regel und Abwechslung gefunden werden. Als Gegengewicht zu den zu erwartenden heterogenen Bebauungen entlang der Achse wird als innere Orientierung eine Serie von farbig gestalteten Informationsstelen  gesetzt, die teilweise mit Haltestellen oder Kiosken verbunden sind. Sie folgen einem strikten Farbcode, der das Spektrum des Farbkreises in einer Reihe abbildet und an jedem Punkt der Achse zwanglos für Orientierung und Zusammenhang steht. Das rhythmisierende Element der ‚Randgärten‘, die Farbtonleiter der Orientierungstürme und die schrittweise zusammenwachsende Pflasterung bilden die Identität der neuen Achse.