MASTERPLAN KERNZONE IMST

  • Ort: IMST
  • Jahr: 2013
  • Aufgabe: Erarbeitung städtebaulicher Planungs- und Gestaltungsgrundlagen

Aktivitätsverteilungen und Baustruktur
Eine wichtige Betrachtungsebene im Gefüge der Stadt bildet die Analyse der Verteilung von sozialen Aktivitäten im Stadtgebiet: wo konzentrieren sich Aktivitäten, wo findet Trennung statt, wo bestehen Barrieren, wo treffen oder durchkreuzen sich unterschiedliche Sphären. Neben den Gebäuden, in denen bestimmte Dienstleistungen angeboten werden, ist auch die Charakteristik von öffentlichen Räumen ein wichtiger Indikator, um dien Struktur des öffentlichen Lebens (als Leben im öffentlichen Raum) zu erkennen. Ein gesunder, lebendiger Stadtorganismus zeichnet sich aus durch eine harmonische und Dichte Fügung dieser unterschiedlichen Bereiche aus, die sich ganz unmittelbar im erlebbaren Charakter des öffentlichen Raums zeigen.

Wichtige Funktionskonzentrationen/Sphären im bestehenden Stadtorganismus von Imst
Deutliche Schwerpunkte bilden sich nur in zwei Bereichen heraus: eine Konzentration des Einzelhandels im Bereich der Kramergasse (mit einem erheblichen Anteil an Leerständen) sowie eine Konzentration von Bildungseinrichtungen in einem Band, das südlich der ‚Unterstadt‘ angelagert ist. In Summe sind deutlich mehr Einrichtungen des öffentlichen Interesses in der Unterstadt zu finden – eine Tendenz, die sich offensichtlich in der Frequenz von Menschen (und Verkehr) im öffentlichen Raum abbildet und durch die Ansiedlung des Neuen Sparmarktes südlich des neuen Kreisverkehrs weiter verstärken wird.

Ortscharakteristik und Verkehrsknoten
Die Polarität von Oberstadt und Unterstadt ist seit Jahrhunderten prägend für das urbane Gefüge von Imst. Der Konzentration von Sakralbauten in der eher dörflich strukturierten ‚Oberstadt‘ steht der eher städtische Charakter der Unterstadt entgegen. Ist die Oberstadt im Wesentlichen von der Hauptstrasse aus strukturiert, so bildet sich in der Unterstadt eine netzartige Struktur aus, die mit dem Vorplatz der Sparkasse und dem alten Stadtplatz an wichtigen Knotenpunkten Konzentrationen von sozial relevanten Aktivitäten ausbildet.

Eine Sonderstellung nimmt die Kramergasse als enges Verbindungsstück zwischen beiden Ortsteilen ein: als dörfliche Gasse wird sie von einer geschlossenen Bebauung eingeschlossen und muss zudem als einzige innerörtliche Verbindung viel motorisierten Verkehr aufnehmen. Sofern keine greifbare Alternative für die Schaffung eines Bypass‘ gegeben sind, kann hier nur nach Möglichkeiten gesucht werden, die Dominanz des Verkehrs durch verbesserte Integration zu brechen.

Fazit: Zu viel – zu wenig
Auf der Seite des Zu-Viel stehen die Verkehrsbelastung in der Kramergasse, die Dichte der Bebauung in der Kramergasse, sowie die zunehmend nach ‚unten‘ (in den Süden) wandernde Konzentration von sizialen Aktivitäten. Im Pol des Zu-wenig stehen die Aufenthaltsqualität in der Kernzone von Imst und das Fehlen eines Zentrums, in dem Bürger sich entspannt im öffentlichen Raum begegnen und verweilen können.

Befund 1. Imst rinnt aus.
Die Baustruktur von Imst erscheint, als sei der Ort durch einen großen Erdrutsch oder entlang der Drift-Bewegung einer Endmoräne entstanden: entlang von Fallgerade strecken sich die Straßenachsen ins Tal hinunter. – Damit korrespondiert in der Entwicklung der vergangenen Jahre eine andere Art der ‚Schwerkraft‘: auch funktional rutscht Imst in Richtung Tal. Die Konzentration dwer Schulen und neuerdings die Drift zu kommerziellen Nutzungen zieht alle soziale Energie in südlicher Richtung. Imst rinnt aus

Option A: Imst liften.
Die klassiche Lösung: Imst liften. Wie? Durch öffentlich gesteuerte und betriebene Konzentration von sozialen Aktivitäten im Anschlussbereich der Oberstadt. Imst stemmt sich gegen die ‚naturwüchsige‘ Tendenz der Wirtschaft.

Option B: Der Ökononomie folgen, die Ökonomie nutzen
Kein Widerstand gegen die Tendenz der Ökonomie, das verzögert nur und verplempert Ressourcen. Sondern: Akzeptieren der Tendenz, nach unten zu wandern (in jeder Hinsicht), Unterstützung der natürlichen Dynamik der Wirtschaftsentwicklung, Mitnaschen an den Gewinnen, um das ‚alte Imst‘ pflegen zu können: die schöne Stadt, fast ein Museum. Geld wird eingesetzt, um alles zu kaufen und dann zu eliminieren, was die gewachsene Schönheit des alten Ortes stört. Bereinigen. Stärkung des historio-alpinen Charakters. Glücklich werden sich auch die Imster beim Sonntagsspaziergang durch die bereinigte Altstadt wie Touristen fühlen, zu Gast bei sich selber.

Fazit: Was die BürgerInnen wollen? – ein ‚hohes‘ Zentrum
In intensiven Beteiligungsprozessen haben die Imster dokumentiert, dass sie Option B für ihre Stadt nicht wollen. Was wollen sie dann? – Eine neue Mitte für Imst – ein Zentrum mit hoher Intensität an sozialen Aktivitäten und feiner Aufenthaltsqualität; eine klar lokalisierte Adresse Imst Mitte.

Funktionsergänzungen: Jugendgästehaus, Kinderspielehaus
Die Option des Liftens und die Schaffung einer neuen Ortsmitte Imst jenseits der Unterstadt kann nur gelingen, wenn eine alltäglich gelebte, glaubhafte Konzentration von sozial relevanten Aktivitäten in dieser neu zu erzeugenden Mitte gelingt. Welche ergänzenden Funktionen stehen zur Disposition? – Im Einklang mit der Vision der Stadt des Kindes bietet sich die Einrichtung bzw. der Bau eines Jugendgästehauses an, um viele Jugendliche in den Ort (und weiter zu den touristischen Attraktionen) zu führen. – Als Ergänzung ist eine spezielle Programmierung eines ebenfalls gewünschten Kulturzentrums möglich als ‚Haus des Kindes‘: wie ein Kindermuseum entsteht ein Gebäude, in dem Kinder aus aller Welt die Straßenspiele ihrer Heimat miteinander spielen können, indoor, outdoor – das ganze Jahr lang.

Verschiebungen: Gemeindeamt, Markt
Zu den komplementären Nutzungen kann eine weitere Verdichtung auch durch die Verschiebung von zentralen Funktionen erreicht werden. Ein wichtiger Kanditat für eine Rochade kann das Gemeindeamt sein. Eine Neuerrichtung im Bereich Sonnepark konzentriert soziale Aktivitäten am südlichen Ende der Oberstadt und schafft im Zusammenspiel mit dem Jonak-Parkplatz in der Unterstadt viel hochwertigen Siedlungsraum für Wohnbebauungen.

Lokalisierungen
Räumliche Potentiale für die Schaffung einer neuen Ortsmitte in zentraler, entspannter Lage sind im Bereich Sonnepark gegeben. Neben der guten Zugänglichkeit von der Umfahrungsstraße aus bietet die Topographie beste Voraussetzungen für eine terrassenartig ins Tal geöffnete Anlage einer Platzlandschaft, die zum neuen Ort der Begegnung werden kann. Eine neue Geländekante kann ausgebildet werden im Zusammenspiel mit der Integration des neuen Haus des Kindes. – In Ergänzung bietet sich für ein Gästehaus die Neunutzung des alten Frauenklosters an, um so auch eine touristische Verdichtung in diesem Bereich zu erzielen.

Fazit: Soziale Belebung, baulich unterstützt.
Im Zusammenspiel von ergänzenden Funktionen, Raumreserven und Potentialen der Verschiebung bieten sich zahlreiche Möglichkeiten für die Schaffung eines neuen Zentrums für Imst. Imst kann geliftet werden.

Kristallisationspunkte – Knoten
Eine Betrachtung der Netzfunktion in den sozialen und verkehrlichen Bewegungsströmen zeigt klar die Schwäche in der Netzsystematik im Bereich der Kramergasse. Klar besetzt sind jedoch die Knotenpunkte, in denen soziale Aktivitäten aktiv gesteigert werden können. Ihre Umwandlung von Kreuzungspunkten (des Verkehrs und der Bewegung) zu Plätzen (der Begegnung und des Austauschs) kann schrittweise durch gestalterische Maßnahmen erreicht werden.

Verbindungen: Wege | Straßen | Blicke
Je komplexer die Netzwirkung im Innerortsbereich, desto intensiver entwickelt sich das öffentliche Leben. Neben Verbidungen, die als Weg oder Straße funktionstüchtig sind, kann das Netz-Gefühl auch durch Blickbeziehungen erzielt werden. Neue Blickbeziehungen sind eine wichtige Bereicherung des realen öffentlichen Lebens.

Optionen für die Kramergasse
Wie kann der Engpass der Kramergasse in ein freieres Netz (von Blicken, Handlungsoptionen und Empfindungen) eingebunden werden? Durch die gestalterische Sträkung vorhandener Platzbereiche – und durch die aktive Durchlüftung der geschlossenen Fassadenwände durch das Einfügen von Blickbeziehungen, Öffnungen, Rhythmen.

Fazit: Verdichtung | Konzentration | Öffnung/Durchlüftung
Verdichtung von platzartigen Bereichen (Johannesplatz, Lainplatz, Sparkassenplatz) – Konzentration von Aktivitäten, blickhaft verbunden mit der Kramergasse – Schaffen von Öffnungen: Licht, Luft, Leben. Ruhe und Intensität.

Der Basisentwurf für die Kramergasse geht von der Annahme aus, dass das bestehende Verkehrsregime in absehbarer Zeit nicht geändert wird: (1) keine Errichtung einer Bypass-Lösung; (2) keine verbesserte Integration der Landesstraße und (3) keine generelle Sperre der Kramergasse für den Autoverkehr. – Das Entwurfskonzept antizipiert jedoch bereits jetzt einen Zustand, in dem der Verkehr keine Rolle mehr spielt und jedenfalls nicht mehr im Sinne der Ausbildung einer Autostraße unterstützt wird. Was wie eine vornehm gestaltete Fußgängerzone erscheint, wird auch von den Autofahrern zurückhaltender genutzt. – Zur Unterstützung dieser Effekte werden zwei Plätze (Sparkassenplatz, Johannesplatz) als Portale eingerichtet. Hier werden alle vorhandenen Möglichkeiten genutzt, um Aufenthaltsqualität zu erzeugen. – Im Anschluss an den Johannesplatz wird hier zugleich der neue Sonnenplatz mit dem Haus des Kindes dargestellt, um zu zeigen, wie in diesem Bereich von Imst ein neues Zentrum entstehen kann, in dem ein dichtes Geflecht (Netz) von Gassen, Plätzen und differenzierten Grünräumen entstehen kann.

DER SPARKASSENPLATZ
Umwandlung einer zu breiten Straße mit Nebenflächen zu einem Platz. Absenkung des Terrains vor der Bank – der Höhenunterschied wird in Zukunft im Gebäude erledigt. Über Feucht: ein zweites Geschoss, als Gegengewicht zum Bankhaus. Dach und Portal, Baum und Brunnen: die Straße führt durch den Platz hindurch, nicht daran vorbei.

DER LAIN-PLATZ
Öffnung des Platzes zum Tal hin, Ergänzung von heroischen Blicken und Beziehungen zum Sonnepark. Der Platz, der bisher so eingesperrt war wie die Kramergasse, wird zum Bezugspunkt im Netz der Innenstadtverbindungen: Aufenthaltsqualität, Integration in eine komplexer werdendes urbanes Netz.

IMSTER STÜBERL
Durch die Entfernung untergeordneter Bauteile kann auch hier die Kramergasse effektvoll durchlüftet werden. Es entstehen Ruhebereiche, Rückseiten werden zu Vorderseiten, öffentlicher Raum umfließt alle Gebäude. Kann es zusätzlich gelingen, Erdgeschosszonen zum Brennen zu bringen? Kann es gelingen, arkadenartige Lösungen zu schaffen, die den Straßenraum weiten, rhytmisieren und variieren?

JOHANNESPLATZ
Durch Vorsetzen der Platzkante entsteht eine großzügige Fläche, durch die der Verkehr schon irgendwie seinen Weg findet. Lässt sich südlich der Konditorei ein Kleinhaus entfernen, um frei fließende öffentliche Räume zu schaffen? Lässt sich ein Teil des Jäger-Hauses entfernen – oder das Ganze? Wie weit können wir in der Öffnung fortschreiten, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren?

FAZIT: JE MEHR (VOM WENIGER), DESTO MEHR (RÄUMLICHE QUALITÄT)
Die räumliche Überprüfung zeigt: die Basislösung für die Kramergasse gewinnt an Qualität, je mehr Öffnungen in die Gebäudefront eingefügt werden können.

EINE NATURKATASTROPHE, PRÄZISE UND ERFRISCHEND
Während in Imst die Diskussion erwacht, welche Häuser entfernt oder verändert werden können (wie weit können wir gehen?) – wird für Imst eine kleine Naturkatastrophe präzise vorhergesagt. Eine gnädige Katastrophe, denn der Erdrutsch war klar angekündigt, alle Gebäude konnten evakuiert werden, niemand ist zu Schaden gekommen. Erfrischend ist diese Naturkatastrophe, weil sie neue Perspektiven eröffnet; präzise ist sie, weil sie genau jene Bereiche des Ortsgefüges erfasst, die zur Diskussion stehen.

ERFAHRUNGEN DER KRISE – EINE VERKEHRSLÖSUNG
Der erste Effekt: hier kann kein Auto mehr fahren. Und so überraschend es manchen erscheint: angesichts der erhabenen Natursituation empfindet das ab sofort niemand als ein Problem. Alle Imster lernen, dass man ganz normal auf der Landesstraße von oben nach unten und umgekehrt fahren kann. Als sei das nie anders gewesen. Das Verkehrsproblem in der Kramergasse hat sich in die totale Beschwerdefreiheit aufgelöst

OPTIONEN DES WIEDERAUFBAUS
Katastrophentouristen kommen nach Imst und genießen die Spuren der gewaltigen Katastrophe; und das ganz ohne schlechtes Gewissen, weil ja niemand zu Schaden gekommen ist. Und durch den langsam sich setzenden Erdrutsch zeichnen sich bald erste Trampelpfade ab, funktional und schön.

Natürlich stellt sich die Frage, was denn nun mit der Mitte von Imst werden soll. Werden wir jemals wieder als Ort zusammenwachsen können? Kann es einen Wiederaufbau geben? Wer kann sich das alles in Zukunft noch leisten?

Aber man hat Glück, denn alles war gut versichert. Sogar so gut, dass in jedem Fall der Wert für den Wiederaufbau erstattet wird, egal, was neu gebaut wird. Dadurch entsteht die Option, mit dem Versicherungsgeld nicht die alte Kramergasse neu wieder aufzubauen, sondern auch ganz anderes mit dem Geld zu bewirken. Statt der Kramergasse ein attraktives Haus des Kindes am Sonneplatz? Eine Kathedrale der kommenden Generation, gewidmet den Kinderspielen dieser Welt? Hier versammelt in einem einzigartigen Kindermuseum, der zweitbesten Imster Erfindung nach dem SOS Kinderdorf…

Und so entsteht in Imst eine ganz behutsam und konzentriert geführte Diskussion, über die richtige Form des Wiederaufbaus. Oder eben: des Neubaus einer bisher nicht vorhandenen Mitte. Dabei werden die unterschiedlichen Positionen mit guten Argumenten vorgetragen. Möglichst wenig neu bauen, sagen die einen, weil sie die gute Durchlüftung der neuen Mitte lieben.

Aus Treue, Heimatverbundenheit und Respekt vor der Geschichte fordern andere, die Kramergasse möglichst originalgetreu zu rekonstruieren – schließlich kann es kein Zufall gewesen sein, dass sie genau so entstanden ist, wie sie vor der Katastrophe war, mitsamt der Verkehrsproblematik. Diese Position wird übrigens Gerüchten zu Folge auch von der Wirtschaftskammer bervorzugt, damit genau die gleiche Menge an Verkaufsflächen in den EG-Zonen wieder entsteht…

FAZIT: DREI VARIANTEN: BASIS | ADVANCED | MAXIMUM
Als klare Bezugspunkte in der Diskussion bewähren sich drei Lösungen: die Basis-Lösung mit einem attraktiven Sparkassenplatz und einem neuen Johannesplatz, ergänzt eventuell um ein neues Zentrum am Sonnepark; die Maximalvariante mit der freigestellten Promenade, dem Haus des Kindes, einem Park unterhalb des neuen Platzes; und einer variablen Haltung dazwischen, die so viel Öffnung wie möglich erreichen will, ohne sich zur radikalen Lösung durchzuringen.

Die Diskussion hat gezeigt, dass unter unterschiedlichen Voraussetzungen alle drei Lösungsansätz sehr real sind. Es kommt auf die Wahl der angemessenen Perspektive an. Wir empfehlen, die drei Lösungen unter folgenden Blickwinkeln zu betrachten:

• Einfach – nach der Katastrophe: ist es da nicht am sinnvollsten, die maximale Lösung zu wählen?
• Was ist unmittelbar realisierbar (ohne hilfreiche Katastrophe)? Hier gewinnt natürlich die Basislösung, von der aus man in die mittlere Lösung aufsteigen kann.
• Effekte des Verkehrs. Wenn es darum geht, die Dominanz des Verkehrs zu brechen, dann ist die maximale Lösung miot den stärksten Effekten der Integration verbunden.
• Qualitäten des Lebens vor Ort: Was kann uns die Neue Mitte Imst bieten? – Keine Frage, diehöchste Qualität erreicht die maximale Variante.

Die Basisvariante sollte in jedem Fall realisiert werden. Jeder Schritt in die mittlere Variante – hin zum Maxiumum – ist in jedem Fall eine jeweils zusätzliche Qualitätssteigerung für Imst.