Zu- und Umbau LNKH Graz

  • Ort: Graz
  • Jahr: 2006
  • Aufgabe: Verführung zur Welt
  • Partner: Architekturbüro Piantino
  • Status: EU-weit offener Wettbewerb, nicht realisiert

VERFÜHRUNG ZUR WELT Der Umgang mit Drogen und Rausch reguliert unser Verhältnis zur Welt. Drogen wirken als Filter der Wahrnehmung oder als Versprechen von Glück, sie sind Fahrzeuge in eine andere Bewusstseinswelt oder dienen dem Verstummen des Weltdrucks. Jeder exzessive Drogenkonsum ist eine partielle Verneinung von Welt; jeder Drogenmissbrauch ist eine Flucht aus der Welt. – Wir deuten Abhängigkeitserkrankungen als den Zwang zur regelmäßigen Weltausblendung; der Zwang zum Rausch ist die Unfähigkeit, nüchtern in der Welt zu sein. Der Weg der Therapie ist die Rückeroberung der Fähigkeit, mit klarem Bewusstsein in der Welt zu sein – in der physischen Welt der sinnlichen Wahrnehmung ebenso wie in der sozialen Welt der komplexen Beziehung zu anderen Menschen. Um ein erträgliches Verhältnis zum eigenen Leben zu entwickeln, muss der Patient zur Welt verführt werden. Diese Verführung zur Welt bildet den Kern der Verwandlung, die der Patient durchleben muss, um einen von Drogen unabhängigen Modus des In-der-Welt-Seins zu erlangen. DER GARTEN DER VERFÜHRUNG Um den therapeutischen Weg des Patienten optimal zu unterstützen wird eine klare räumliche Trennung zwischen den Stationstrakten und den Räumen für die Therapie entwickelt. Die Stationen dienen der Ruhe und dem bewussten, aufmerksamen Bei-sich-Sein; das Therapiegebäude steht für Verwandlung und Transformation. Die Polarität beider Sphären wird räumlich klar artikuliert und unterstützt die Tagesrhythmik in der Behandlung der Patienten. Der Weg zwischen Stationen und Therapiegebäude soll bewusst durchs Freie führen; der Weg in die Therapie führt durch ein Stück Welt, das intensiv und verführerisch als Garten inszeniert wird. (Eine in die Geländekante integrierte Gangverbindung dient der Bewältigung von witterungsbedingten Notsituationen.) QUALITÄT DES DA-SEINS: GETRENNTE ERSCHLIESSUNG In den Stationen wird die Gliederung in Bezugsgruppen (max. 10 bis 12 Patienten) massiv unterstützt. Jede der insgesamt 12 Bezugsgruppen wird durch ein neues Erschließungssystem getrennt zugänglich sein; es wird (außer für das Pflegepersonal) keine Durchgangssituationen in den einzelnen Pflegegruppen geben – eine unerlässliche Voraussetzung dafür, dass innerhalb der einzelnen Bezugsgruppe die für die Therapie erforderliche Intimität und Ruhe entstehen können. TRANSFORMATION DER ORGANISATIONSSTRUKTUR Zwei Zusammenhänge bzw. Motive sind für die Organisation der Stationen und Pflegeeinheiten von größter Bedeutung: 1. Die direkte und vor allem barrierefreie Verbindung zwischen Ambulanz/Aufnahme und den beiden geschützten (geschlossenen) Patientenbereichen. 2. Die Möglichkeit der getrennten Erschließung jeder Bezugsgruppe in Verbindung mit einem zentralen Foyerbereich, der zum Garten hin geöffnet ist. Daraus folgt die Notwendigkeit einer Transformation der Geschosszuweisung in der vorgegebenen Organisationsstruktur. Je nach Betrachtungsweise bestehen die vorgegebenen Pflegeeinheiten (jedoch nicht mehr ausschließlich auf jeweils einem Geschoss) mit jeweils 40 Patienten und auf verschiedene Pflegeeinheiten verteilten geschlossenen Abteilungen; oder es entsteht eine Struktur mit 16 Patienten EG (geschlossen, in Unmittelbarer Nähe zur Ambulanz) und jeweils 52 Patienten im 1. und 2. OG. STAFFELUNG DER STATIONEN Jede Bezugsgruppe muss mindestens einen Substützpunkt haben! Auch hier ist eine Transformation der vorgegebenen Struktur dringend erforderlich. Statt 3 Hauptstützpunkten und 6 Substützpunkten gliedern wir in 12 Stützpunkte, von denen 2 Stützpunkte (im 1. und 2. OG) als Hauptstützpunkte ausgebildet sind. Sie sind dort jeweils zentral für das gesamte Geschoss angeordnet. (Diese Maßnahme ist in der Endsumme der Nettogrundrissflächen quadratmeterneutral.) Der Hauptstützpunkt im EG kann durch die besondere Situation der geschlossen geführten Abteilungen und durch die räumliche Nähe durch die Ambulanz abgedeckt werden. LAGE DER TAGRÄUME Die Lage der Räume zueinander wird unterschiedlich ausgeführt. Je nach Krankheitsbild bzw. Therapieanforderung (Akut-Patienten, chronisch mehrfach geschädigte bzw. schwerkranke Patienten, Patienten für den qualifizierten Entzug bzw. die Entwöhnung etc.) werden die Tagräume in die Mitte oder an den Rand der Bezugsgruppeneinheit gesetzt. (Analog dazu sind die Stützpunkte eher auf die Patientenzimmer oder auf die Tagräume bezogen.) Multifunktionsräume werden jeweils an den Schnittstellen zwischen den Stationen positioniert. – In der Gestaltung der Tagräume wird auf eine interne Zonierung der Räume sowie auf einen intensiven Bezug zum Draußen geachtet. UMGANG MIT DEM BESTANDSGEBÄUDE Der massive Charakter des Bestandsgebäudes wird vor allem für die Beherbergung jener Patientengruppen verwendet, die Geborgenheit und Ruhe benötigen. In Form von Stiegenhäusern und erkerartig angehefteten Veranden (als Teil der Tagräume) werden dem behäbigen Baukörper erfrischende Attribute gegeben, die seinen Grundcharakter modifizieren, ohne ihn zu verfälschen. Durch die großzügige Öffnung des Untergeschoßes an der Gartenseite und das gezielte Aufbrechen der Gebäudestruktur im Bereich des teilweise zweigeschossigen Foyers wird ein großzügiges Raumkontinuum geschaffen; es wird eine intensive Beziehung des Innenraums mit dem angrenzenden Gartenraum erzeugt: der verführerisch in das Gebäude fließende Garten verführt den Patienten dazu, hinauszutreten – und sich schrittweise die Welt zurückzuerobern. DER THERAPIETURM Der Therapieturm organisiert und leitet alle Prozesse, die der Verwandlung des Patienten dienen: Ergotherapie, Einzel- und Gruppenbehandlungen etc. Auf dem Weg in die Therapie durchstreift der Patient ein Stück Welt. Er muss zunächst hinabtauchen in den Garten, um sich in der schrittweisen Erweiterung des Blicks neue Horizonte zu erschließen. Das auf die Geländekante gesetzte Gebäude versetzt in Spannung und bleibt zugleich sehr übersichtlich. Der Gebäudekörper inszeniert ein intensives Spiel von Öffnung und Geschlossenheit, Einblick und Ausblick; in der Stellung der Gebäudeachsen steht er für das Wechselspiel von Aufrichtung und fragiler Balance. . Die Verwendung von Holz als Fassadenmaterial deutet jene Stimmung an, die Bauwerke für verwundbare Menschen haben sollten: spannungsreich und harmonisch, warm und klar, geborgen und befreiend. Die vertikale Betonung führt den Patienten bis hinauf zu den großzügig geöffneten Gruppenräumen, in denen er sich frei schwebend zwischen den Baumkronen fühlen kann